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Warum ich aus der Kirche ausgetreten bin

Diesen Beitrag habe ich 2010 geschrieben. Da mein damaliger Blog nicht mehr existiert, veröffentliche ich ihn hier wieder. Der Beitrag wurde u.A. im Wall Street Journal zitiert. Es gibt wenige Entscheidungen, die richtiger waren, als diese.

Heute bin ich aus der katholischen Kirche ausgetreten. Dazu war ein Besuch im Kölner Amtsgericht notwendig, der mit 30 Euro zu Buche schlägt. Ich habe lange über diesen Schritt nachgedacht, da ich mich definitiv als religiös bezeichnen würde, ohne dies aber ausschließlich mit dem Christentum zu verbinden. Ich bin als Kind oft mit meinem Vater in die Kirche gegangen, und habe auch die Kommunion noch mitgemacht. Die Vorbereitung zur Firmung habe ich abgebrochen und mich erst nach dem Abitur wieder religiösen Themen zugewandt. Ich habe die Kirche immer als unglaublich altmodisch und einfach unattraktiv empfunden, trotzdem hat sie mir eine gewisse spirituelle Grundlage gegeben, die ich nicht missen möchte. Und genau aus diesem Grund habe ich mit dem Austritt gehadert, da man einen solchen in aller verallgemeinerter Konsequenz zu Ende denken muss, und das bedeutet ein Ende der Kirchen, zumindest in der Form, wie wir sie jetzt kennen. Doch ich bin mittlerweile der Überzeugung, dass es genau so ein Zusammenbruch ist, den die Kirche braucht.

An abstoßenden, widerlichen Beispielen hat es der Kirche in naher und ferner Vergangenheit nie gemangelt, man denke nur an den aktuellen Mißbrauchsskandal in Berlin und Hildesheim. Dass es bei einer so großen Institution wie der Kirche immer mal wieder zu Skandalen kommt, ist verständlich, aber die auch immer wieder zu beobachtende Unfähigkeit, darauf adäquat zu reagieren, ist erschreckend.

Dazu kommen einige persönliche Erfahrungen mit der Kirche, die mir immer mehr bewusst machten, wie weit ich mich innerlich von diesen Denkeweises entfernt habe. Da ist zum Beispiel diese Hochzeit, bei der der Pfarrer die ganze Zeit was von dem ewigen Bündnis vor Gott schwafelte, es sich nach dem Scheitern dieser Ehe nach ca. 6 Monaten dann aber herausstellte, dass man auch dieses ewige Bündnis vor Gott mit den richtigen Anträgen und ein wenig Wohlwollen der Kirche wieder aufheben kann. Oder die Beerdigung meiner Großmutter. Obwohl der Pfarrer sich lange mit meinem Vater über das Leben meiner Großmutter unterhalten hatte, handelte der Gottesdienst fast ausschließlich über den Antichristen, und das man sich vor dessen Wiederkunft doch bitte sorgen sollte. WAS ZUR HÖLLE! Und das bei der Beerdigung meiner Großmutter. In dem darauf folgenden Vortrag in der Friedhofskapelle (den ein anderer Pfarrer hielt) ging es dann nur um die Sünde des Menschen, und das der Tod diese ja nun endlich von ihm nehmen würde. Leute, meine Großmutter war keine Kriegsverbrecherin, fällt euch da nichts Besseres ein? Oder das Gespräch mit einer Bekannten, die einige Zeit mit einer kirchlichen Gruppe in Afrika war, und mir berichtete, dass die Franziskanernonnen den Leuten erzählen, Kondome wären ja schon deswegen Unsinn, weil die Spermien ja durch die Latexwand kommen würden.

Ich habe diesen Irrsinn nicht mehr ertragen. Sicherlich macht die Kirche auch viel Gutes, aber das machen andere auch, ohne diesen Schwachsinn und dieses Leid zu verbreiten.

Die seltenen Male, die ich in den letzten Jahren in die Kirche ging, waren manchmal auch von viel Sinn und Gutem erfüllt. Dann war da was in der Predigt, was mich ansprach, und ich hatte das bestimmte Gefühl, dass das hier mehr war als Ritus, dass die Kirche durchaus noch das Potential hat, die Menschen auf einer tiefen Ebene anzusprechen. Würde die Kirche endlich mal mit diesem Mittelaltergehabe aufhören, den Menschen anstatt Ritus wirkliche spirituelle Praxis vermitteln, und sich auf ihre ursprünglichen Prinzipien zurückbesinnen, dann hätte sie sicherlich die Möglichkeit, wieder mehr Menschen für sich zu gewinnen. Es gibt zahllose großartige Texte der christlichen Mystik, die voller spirituellem Potential stecken, aber man erzählt den Menschen lieber wieder die gleichen, langweiligen Gleichnisse, vollzieht den gleichen langweiligen Singsang, und lässt die Leute sich den Frieden wünschen. Das ist alles mehr oder weniger ganz nett, aber jemandem der mehr sucht als Ritus und traditionelles Gehabe macht es die Kirche unwahrscheinlich schwer, an Substanz zu kommen. Vom Ritus wenden sich die Menschen immer mehr ab, aber dafür gibt es auch immer mehr, die wirkliche Spiritualität suchen. Diese Suche wird in bester mittelalterlicher Tradition von der Kirche ignoriert, und so wenden sich diese Menschen anderen Religionen, Schulen, oder Sekten zu. Die Kirche scheint immer noch voller Angst zu sein vor den Menschen und ihrem Verständnis der Religion, und so versucht sie weiterhin mit aller Macht jeden so weit es geht fern und unter Kontrolle zu halten. Aber, Gott sei Dank, hat sie damit immer weniger Erfolg.

Nach all den Skandalen, und der Art und Weise wie damit umgegangen wird, kann ich mir nicht vorstellen, dass die Kirche auch nur annähernd die Kraft hat, sich von innen heraus im nötigen Maße zu reformieren. So konnte die Entscheidung für mich nur lauten, diese Institution nicht weiter finanziell zu unterstützen. Und ob ich ein Christ bin oder nicht, entscheide immer noch ich selber. in 17 Minuten bin ich auf jeden Fall nicht mehr katholisch.

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